Life sucks

„Haben wir noch Schmerztabletten?“ Wenn diese Frage, am frühen Montagmorgen von der anderen Seite des Bettes kommt, weiß ich, was los ist. Sie ist eigentlich auch nur eine verklausulierte Umschreibung für „So ein Scheiß. Ich will nicht ins Büro. Bemitleide mich und sage mir, dass ich daheim bleiben soll.“

Selbstverständlich haben wir Schmerztabletten, wir haben immer Schmerztabletten und das weiß er auch und deshalb antworte ich nur genervt: „Was ist denn jetzt schon wieder!“ um zu signalisieren, dass ich genau weiß, wie der Hase läuft und ihn zu motivieren, seinen Hintern aus dem Bett zu bewegen und zur Arbeit zu gehen. Blaumachen kann ich nämlich nicht leiden, weil ich selbst jemand bin, der auch mit dem Kopf unter dem Arm zur Arbeit geht, was eigentlich blöd ist, weil es niemand je honorieren wird, aber mein Gewissen tickt halt so.

Seit einigen Monaten beobachte ich eine erhöhte Quote der Krankheitstage. Es ist nicht so, dass ihm körperlich etwas fehlt, ich befürchte, es ist die Psyche, die hier den Ausschlag gibt. Schon lange sagt er, dass ihm die Arbeit keinen Spaß mehr macht und über die Aussicht, noch zwanzig lange Jahre dem immer wachsenden Druck und der immer komplizierter werdenden Arbeit standhalten zu müssen, will er gar nicht erst nachdenken.

Es ist nicht so, dass er Arbeit scheut, ganz und gar nicht. Er wäre der perfekte Hausmann, er wäre besser darin als ich es je sein werde und wenn man ihm nach seinem Traumberuf fragt sagt er, dass er eine Koryphäe im Segment der Autoaufbereitung wäre. Er wäre auch gern Barista, selbständig mit einer kleinen Kaffeebar oder Betreiber einer blitzsauberen Autowaschanlage, in der es immer gut duften würde und in der die Staubsauger hundertprozentig funktionieren würden, so dass die Kunden ihn über den Landkreis hinaus empfehlen würden.

Nun sitzt er aber in diesem Büro auf einer gottlob kündigungssicheren Stelle mit sehr gutem Verdienst und damit baue ich ihn wieder auf. „Schau dich um! Waschstraßen und Bars gibt es wie Sand am Meer! Du müsstest jünger sein und mit einer grandiosen Geschäftsidee gesegnet, dann könnte es vielleicht was werden. Für dieses Leben muss es der Stuhl im Büro mit Aktenbergen und einem Kollegen mit Mundgeruch tun! Sei realistisch! Würdest du im Ernst eine todsichere Stelle mit prima Gehalt aufgeben für das unsichere Geschäft in einer Waschanlage oder hinter einem Tresen?“

Ich habe ein schlechtes Gewissen dabei, weil ich weiß, dass zwanzig Jahre verdammt lang sind weil ich bin nicht sicher bin, ob ein Verwaltungsangestellter als Quereinsteiger für eine Tätigkeit in Gastrononomie oder Fahrzeugpflege eine sichere Bank wäre. Wenn es nur um uns ginge, würde ich ihn vielleicht sogar dazu ermuntern, aber in der heutigen, brettharten Zeit, zumal mit zwei schulpflichtigen Kindern am Bandl können keine Experimente hinsichtlich eines neuen Broterwerbs gewagt werden, meine ich.

Zum Besuch eines Arztes habe ich nun geraten, er soll versuchen, eine Kurmaßnahme zu erhalten. Vielleicht kann er sich dort psychisch aufmöbeln lassen und dann wieder eine Weile durchhalten. Aber tief in mir weiß ich, dass eine Besserung, so sie denn eintreten sollte, nicht von Dauer sein wird und es tut mir leid, dass er ihn das alles derart belastet. Trotzdem bin ich diejenige, die auch eine Arbeit verrichtet, die man nicht als spaßig bezeichnen kann und trotzdem auf dem Teppich bleibt.

Ich mache nicht gerne die Träume anderer Menschen zunichte, aber wenn mein Wohl und Wehe und das unserer Kinder dafür aufs Spiel gesetzt werden, kann ich nicht zuschauen. Besser, ich kaufe noch ein paar Schmerztabletten als Reserve.


2 Antworten zu “Life sucks”

  1. Etwas überspitzt formuliert ist es ein Abwägen zwischen Resignation und Leben, wobei die Entscheidung für das Leben die Frage nach der Verantwortung in der Familie beinhaltet. Eine beschissene Situation…

    Es geht in meinen Augen auch nicht darum, ob 20 Jahre lang sind. Jedes Jahr was vor einem liegt ist wichtiger als 20 Jahre, die hinter einem liegen. Hinter einem liegt die Vergangenheit, das Erlebte, das nicht mehr änderbare – vor einem das Leben.

    Ich kann verstehen, wenn du nicht mithilfst, seine Träume auszuschmücken. Sie zunichte zu machen, kann aber zu seinem Boomerang werden. Wenn er irgendwann zu dem Schluß kommst, dass du eine gehörige Portion Mitschuld an „seinem vergeudeten Leben“ hast, hast du ein ganz anderes Problem. Und so ganz nebenbei: möchtest du die nächsten zwanzig Jahre neben einem Mann aufwachen, der sich fünf Tage vor dem, was er tut, graut?

    Ich weiß nicht, was ich in der Situation tun würde – in der Fantasie sind Entscheidungen ohne Konsequenzen. Ich habe auch keine Kinder, daher wäre meine Situation sowieso einfacher. Wenn ich mich jeden Tag überwinden müßte, ins Büro zu gehen … vermutlich würde ich den Ausweg suchen. Entweder mit der Frau an meiner Seite oder, wenn ich feststellen würde, dass dieser Weg nicht klappt, ohne sie. Im schlimmsten Fall mit dem berühmten Zettel auf dem Schrank vor der Haustür, auf dem der Schlüssel liegt. Das wertvollste, was jeder von uns hat, ist das eigene Leben.

  2. coffeefee Sagt:

    Für deine ehrlichen Worte hab Dank! Es ist wirklich eine vertrackte Situation aber ich kenne ihn ja schon sehr lange. Mit Schulden, die ein neues Berufsleben mit sich brächten, könnte er erst recht gar nicht schlafen. Im Grunde ist er jemand, der zwanghaft seine Beständigkeit braucht, ob es daheim die Akkuratesse hinsichtlich der Ordnung ist oder eben die Konstanz was finanzielle Einkünfte angeht. Der Rebell in ihm ist nicht groß genug, um einen Schritt in die andere Richtung zu gehen. Better luck next life, baby!

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